Die Geschichte eines Rad-Neulings: Episode 5 von 7
Wir blicken auch heute und in den folgenden zwei Ausgaben des PEDALO Newsletters wieder gespannt dem Rad-Neuling und Best Ager Harry über die [Radler-]Schulter.
Ein richtig trainierter »Sportler« ist er ja nicht gerade, und so hat sich in der ersten Episode sein Gesäßmuskel als springender Punkt herausgestellt. Trivial, aber wahr.
In der zweiten Episode war dann vom Wesentlichen die Rede. Von dem, was einzupacken, zurückzulassen und umzupacken sei.
Dann hatte er drittens eine Entscheidung zu treffen. Und er hat auch diese Hürde genommen. Er weiß, dass er im Land der Radler radeln wird, und immer mit einem Schiff als »Rettungsinsel«.
Vom Trainieren und Orientieren und von der richtigen Einstellung zum Vorhaben war in der vierten Episode zu lesen.
Ist unser Held nun gerüstet genug, um sich dem Kampf mit dem Drachen zu stellen, der landläufig als »innerer Schweinehund« bekannt ist, der aber auch von außen sein Unwesen treibt in Form von Gegenwind, Radkarten und Umwerfern? Wird Harry diesen alles entscheidenden Kampf bestehen?

Harrys Kumpel im Land der Fahrräder :-) © Foto: Best Ager Harry
Ein Kampf war ja schon irgendwie »vorprogrammiert«. Es war meine Astrologin, die mir schon am Beginn des Jahres für den Zeitraum der Reise »schmale Wege und tückische Spitzen« angekündigt hatte. Ich war also einerseits mental vorbereitet, andererseits aber wieder unruhig, in welcher Form sich diese Widrigkeiten zeigen würden. Das ist das Schöne an der Astrologie.
Es war allerdings nicht die Rede davon gewesen, dass ich es in diesen Tagen mit einem ganzen Drachen zu tun bekäme. Überraschung!
Das ist jetzt wirklich neu für mich, was ich hier auf meiner Südholland-Tour erlebe. Und wie immer steckt der Kick im Detail, was den Neuling beschäftigt, den Profi langweilt und den Guide nachdenlich stimmt, ob er denn auch nach dieser Tour jemals wieder locker im Sattel sitzen wird.
Nehmen Sie nur die Radlerhose. Das ist ein High Tech Beinkleid mit Flachnähten, rutschfesten Abschlüssen und Windstopper [vorne]. Wirklich adrett. Bis man den Pampers-Effekt zum ersten Mal hautnah erlebt: Jenes gelhafte Puddinggefühl ausgerechnet dort, wo man seinen Allerwertesten sonst straff und ergonomisch ins Sitzmöbel einparkt. Sofort fühlt man sich ins Frühkindliche bugsiert und hört förmlich Muttis Schelte, wie sie bei unzeitgemäßer Verrichtung üblich war. Aber gleichzeitig auch: Schluss mit der toten Hose! Eine ganze Körperregion rückt sich im Laufe einer RadReise zu einer neuen Befindlichkeit zurecht. Man muss die Freuden eben nehmen, wie sie kommen. Ein Lohn für den siegreichen Helden.
Dann das Leihrad, das ich gleich nach dem Start in Amsterdam auf den klingenden Namen »Balmung« getauft habe, Siegfrieds und der Nibelungen eingedenk. Ja, mein Schwert, eine Art Waffenrad: Ganz aus Stahl und mit der flugrostigen Aura eines ungeliebten und geschundenen Wesens, das schon von vielen Radlerhosen besessen und dann einfach zurückgegeben worden ist.
Jetzt will es offensichtlich Rache nehmen und widersetzt sich hartnäckig einer abermaligen Anpassung an die eigenwilligen Proportionen des Helden. Es hat mir dennoch gute Dienste geleistet, wenn man von einigen tückischen Spitzen der vernudelten Ritzel und eines unwilligen Umwerfers einmal absieht. Meine Astrologin hat’s gewusst.
Das Schlimmste und zwar täglich: Der Start. Man ist am Vorabend mit Freude ausgerollt, war stolz auf die bewältigte Etappe und mit sich ganz und gar im Reinen. Kein Gedanke an das Morgen, nur an das Abendessen und an eine geruhsame Nacht. Eigentlich herrlich.
Aber während am nächsten Morgen andere Urlauber noch ihre Handtücher auflegen, um ihr Revier in fremden Sanden zu markieren, war ich schon wieder kribbelig. Aus Freude wahrscheinlich, meint der Leser. Aus Unruhe, sage ich, und ich weiß es besser. Denn ich habe die Begriffswelt der Reiseleiter beim Morgenbriefing zu deuten gelernt, und das verheißt nichts Gutes.
Sie sagen beispielsweise: »Gemütliches Einrollen«. Sie meinen aber: »Ehrgeiziges Strampeln« bis zu jenem Flow, mit dem alles zum Selbstläufer werden soll. Oder: »Leicht hügelig«. Für den Trekkingbiker sind das immer knackige Anstiege bis zum Abwinken. »Ausgiebige Rast« hingegen bedeutet: »Wir fahren wieder los, sobald auch du angekommen bist«. Die »Orientierung nach der eigenen Radkarte« macht dir blitzartig klar, dass auch Brücken bewegliche Wesen sind, die nicht immer gerade da sein müssen, wo sie jemand eingezeichnet hat. Es ist wie bei Harry Potter’s Quidditch: Nur der Sucher macht das Spiel. »Freie Zeiteinteilung« steht für: Schaut, wo ihr bleibt. Die Pfadfinder lassen grüßen. Meine Astrologin hat’s gesagt: Enge Wege.
Die Herausforderung schlechthin, die den Drachen schnauben lässt: Die Faulheit. Das Duell mit dem Schweinehund: »Du musst ja gar nicht«, sagt er, »nimm dir doch Urlaub vom Radeln.« Oder: »Wähle doch wenigstens die kürzere Route, wenn sie dir schon so direkt in den Mund gelegt wird.«
Apropos Verpflegung: »Trinkst du am Abend zu viel Wein, wirst du morgen arm dran sein. Das ist anders bei den Bieren, denn Hopfen kann Gelenke schmieren!« Mit einem Wort: Maß und Ziel ... und immer mit einem Auge auf dem Wetterbericht. Auf die Windrichtung vor allem. Wo wird’s mich wohl diesmal erwischen? Auf der Flachetappe durch die holländischen Gärten? Oder an der Küste? Das ist Natur pur und ganz elementar. Rückenwind ist etwas für die Memmen. Der Drache pfeift aus allen Richtungen, aber Helden kriegen einfach nie genug davon auf der Suche nach dem ultimativen Elixier. Was wird das wohl für einen RadReise-Rookie sein? Ich werde meine Astrologin fragen. Aber morgen werde ich wohl wieder mein Schwert aus dem Radständer ziehen, ganz gleich ob in Gouda, Zaandam, Schoonhoven oder Haarlem: Es hat 21 Gänge, eine etwas schwergängige Schaltung, einen Reifen, der ständig nach Luft ringt so wie ich, und Packtaschen, die noch aus der Ära des Grufti-Design stammen und ausgebeult über dem angerosteten Gepäckträger hängen.
Ich liebe mein Balmung, weil ich alles Schräge liebe. Nur nicht bergauf.